Kuhmilch und Hühnereier

Lernziele

Nach diesem Kapitel können die Teilnehmer: 

  • die Majorallergene in Kuhmilch und Hühnerei identifizieren
  • die Kreuzreaktivitäten für Hühnerei- und Kuhmilchkomponenten beschreiben
  • erläutern, wie die komponentenbasierte Diagnostik bei Kuhmilch- und Hühnerei-Allergien eingesetzt werden kann.

Kuhmilch- und Hühnerei-Allergien

  • Weltweit gehören Kuhmilch und Hühnereier (nachfolgend als Milch und Eier bezeichnet) zu den Grundzutaten in der Küche.
  • Sowohl Milch als auch Eier können beim Menschen, insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern, Allergien auslösen. 1,2Im Laufe der Zeit werden diese Allergene oft wieder vertragen.3,4
  • Bei Kindern unter zwei Jahren:
    • die Milchallergie-Inzidenz war am höchsten in Großbritannien (1,26%) und am niedrigsten in Griechenland (0 %).
      In Deutschland lag die Inzidenz bei 0,28 %. 5
    • die Eiallergie-Inzidenz war ebenfalls in Großbritannien am höchsten (2 %) und in Griechenland am niedrigsten (0,11 %).
      In Deutschland lag die Inzidenz bei 0,84 %. 6
  • Der Kontakt mit Ei-Partikeln in der Luft kann ebenfalls zu berufsbedingter Eiallergie bei Erwachsenen führen – dies wurde bei Bäckern 7 und Mitarbeitern in Forschungseinrichtungen im Bereich der Embryologie beschrieben. 8
  • Hitze, z. B. beim Backen, kann zur Reduzierung der Allergenität von Milch und Eiern und dadurch zu Verträglichkeit bei Patienten mit klinisch relevanten Allergien führen. 9

Allergenkomponenten in Eiern und Milch10

  • In Eiern und Milch wurden verschiedene Allergenkomponenten identifiziert:

Allergenkomponenten in Eiern

  • Obwohl Gal d 2 das Hauptprotein im Eiweiß ist9, gilt Gal d 1 als das dominante Majorallergen.13
  • Die Sensibilisierung gegen Ei-Lysozym (Gal d 4), das häufig als bakteriolytisches Konservierungsmittel in Nahrungsmitteln zum Einsatz kommt, hat sich als potenziell klinisch relevant erwiesen.14
  • Ei-Allergien im Erwachsenenalter können auf die Manifestation des “Vogel-Ei-Syndroms” zurückzuführen sein. Dabei handelt es sich um eine Kreuzreaktivität aufgrund von gemeinsamen IgE-Epitopen von Wellensittichfedern, Hühnerfedern und Alpha-Livetin im Eigelb.15

Allergenkomponenten in Milch

  • Im Labor weisen die αS1-Caseine und αS2-Caseine von Kuh, Ziege und Schaf eine hohe Aminosäuresequenzidentität (87-98 %) und Kreuzreaktivität auf. 17 Bei über 90 % der Patienten mit Kuhmilchallergien liegt auch eine Ziegenmilchallergie vor.18 
  • Obwohl dies selten vorkommt, können Personen mit persistierender Milchallergie auch auf Serumalbuminproteine im Fleisch von Säugetieren reagieren. So wurde beispielsweise gezeigt, dass bovines Serumalbumin (Bos d 6) an der Co-Sensibilisierung auf Milch und Rindfleisch beteiligt ist.19

 

Komponentenbasierte Diagnostik (CRD) bei Ei-Allergien

  • Die gegenwärtige Routinediagnostik für Ei-Allergie verwendet spezifische IgE-Bluttests oder Haut-Prick-Tests; 10 Der Nutzen von CRD bei der Aufklärung der spezifischen Allergenkomponenten, die eine Reaktion auslösen, wurde untersucht:
    • es wurde gezeigt, dass die CRD mit Gal d 1 (Ovomucoid) eine klinisch relevante Ei-Allergie prognostizieren kann20, 21 
    • CRD mit Gal d 4 kann ein nützliches Werkzeug zum Nachweis von spezifischem IgE gegen Lysozym bei Patienten mit Ei-Allergie sein14, 16
    • CRD mit Gal d 1 im Multiplex-Verfahren bei in Italien lebenden Kindern zeigte, dass Gal d 1-negative Kinder sehr häufig eine Verträglichkeit von gekochtem Ei aufwiesen, wohingegen bei Gal d 1-positiven Kindern sehr häufig eine Allergie gegen rohes Ei nachgewiesen wurde24

CRD kann zur Unterstützung der Allergiediagnose verwendet werden. Eine endgültige Schlussfolgerung zur klinischen Relevanz sollte aus der Krankengeschichte, diagnostischen Tests und gegebenenfalls einer offenen oder doppelblinden, placebokontrollierten Provokation mit gekochtem oder rohem Ei gezogen werden.8, 16
CRD kann bei der Unterscheidung von Patienten mit Allergien gegen rohes Ei oder gekochtes Ei nützlich sein.

CRD bei Milchallergien

  • Derzeitige Routinetests erfolgen mit spezifischen IgE-Bluttests und Haut-Prick-Tests mit Milch-Gesamtextrakten; 10 Der Nutzen von CRD bei der Aufklärung der spezifischen Allergenkomponenten, die eine Reaktion auslösen, wurde untersucht:
    • In einer Studie in Nordchina wurde gezeigt, dass spezifisches IgE gegen Bos d 12 bei Milchallergien die höchste diagnostische Relevanz und spezifisches IgE gegen Bos d 4 die geringste Relevanz aufweist. Durch den Einsatz von Milchallergenkomponenten, beispielsweise Bos d 5 und Bos d 12, konnte die Diagnose der Milchallergie verbessert werden.23
    • Hohe IgE-Konzentrationen gegen drei Milchkomponenten (α-Lactalbumin, Bos d 4; β-Lactoglobulin, Bos d 5 und Casein, Bos d 8) vor der oralen Immuntherapie waren mit einem weniger erfolgreichen Therapieergebnis verbunden. Aus diesem Grund kann die CRD bei der Auswahl von Patienten mit Kuhmilchallergie für eine Immuntherapie von Nutzen sein.24
    • Die Messung von Casein (Bos d 8)-spezifischem IgE mittels CRD bot eine signifikant höhere Genauigkeit bei der Vorhersage von Reaktionen auf gebackene Milch als die β-Lactoglobulin-Komponente und die gängigen diagnostischen Tests, die spezifisches IgE gegen Kuhmilchgesamtextrakt messen.25

CRD kann hilfreich sein um vorherzusagen, welche Patienten eher auf eine orale Immuntherapie ansprechen oder gebackene Milchprodukte tolerieren.

Kann die komponentenbasierte Diagnostik orale Nahrungsmittelprovokationen bei Milch- und Ei-Allergien ersetzen?

Zusammenfassung

  • CRD kann verwendet werden, um primäre Sensibilisierungen von Kreuzreaktionen bei Patienten mit Kuhmilch- und Hühnerei-Allergie zu unterscheiden.
  • CRD kann hilfreich sein, um festzustellen, ob Patienten erhitzte Milch oder Eier vertragen können.
  • CRD kann hilfreich sein, um vorherzusagen, ob Patienten auf eine orale Immuntherapie ansprechen.

Quellenangaben

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  6. Xepapadaki P et al. Allergy. 2016;71(3):350–7.
  7. Escudero C et al. Allergy. 2003;58(7):616–20.
  8. Jones M et al. Occupational Medicine. 2013;63:348–353.
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  10. Matricardi PM et al. (Editors). Molecular Allergology User’s Guide. 2016. Zurich: European Academy of Allergy and Clinical Immunology.
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